Lyrik und Prosa

Im Folgenden stehen einige künstlerische Texte von mir. Nach und nach werde ich weitere ergänzen. Die meisten davon sind bislang unveröffentlicht und können nur hier nachgelesen werden.

Im gleichen Maße, in dem jede Auswahl willkürlich ist, stelle ich die Texte in eine annähernd zufällige Reihenfolge. Da sie im Zuge verschiedener, zeitlich wie inhaltlich voneinander unabhängiger Projekte entstanden sind, müsste auch jede andere hier mögliche Zusammenstellung unrepräsentativ bleiben.

 

Ich

Keine Rosen

Kagan Lounge

Ariadne

Siebenmeilenstiefel

Ex

Süd

im Zentrum

Ans Festland [Fragment]

Ans Festland II [Fragment]

 

ICH

einmal sprach ich
von Seele mit Tesafilm
Himmel mit Abendrot

und wie wusste ich dort nichts
von meinem Heimweh
dass es alles gut sei

mit meinem Auf- und Untergehen
innerhalb spektraler Farben
Sonne die einmal implodieren wird

wie eng ist es bis dahin hier
in meinem Leben
unter Tränen

als ich warte
unermüdlich
auf verlässliche Signale

so ungeschont
warte ich
auf Trockenzeit

© Philipp B. Koch: Ich (2004),
unveröffentlicht.

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KEINE ROSEN

möglicherweise war ich nahe dran
für Gefühle oder leise Ohnmächte
oder Sterne und
für mein gesamtes komisches Leben drum herum
endlich etliche Namen zu wissen
einen oder viele oder
alle Namen zu wissen
als einfach sie kam oder plötzlich da war
und ich heimlich wollte sie bliebe hier
für eine Weile
was sie so niederschmetternd nebensächlich fand
und von gestern auf morgen war ich mir sicher
von denen die sie nicht sagte glaubte ich ihr
kein Wort

© Philipp B. Koch: Keine Rosen (2001),
unveröffentlicht.

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KAGAN LOUNGE

Philipp B. Koch trägt seine Texte bei einer Lesung vor

Das bin nicht ich, das ist einer der lächelt langsam in spiegelnde Glasscheiben – steht grinsend, halbdunkles Zigarettenglimmen, eine Hand in der Hosentasche, still. Ich sehe ihm graue Hosenbeine hinunter, wage zwei Blicke mit seiner Brille: die zieht verschwommene Schlieren. Halb ohnmächtig vor Glück lächelt er sehr betrunken, Bässe detonieren fordernd im Magen. Meine überforderten Augen. Das bin nicht ich im Stroboskop-Gewitter. Er, unbewegt, tasten seine Augenlider das Licht. Die späte Nacht. Ich kann's nicht fassen, er ist glücklich: Unsere Hosenbeine. Schöne geheimnisvolle tanzende Frauen. Es lachen einige euphorisch, der Deejay an den Plattentellern schreit etwas und es perlt einfach ab. Musik umwabert warm die Menge und frisst sich tröpfchenweise den Weg. Rundherum sprechen schöne Frauen mit schönen Männern jetzt Körpersprache. Seine Hosenbeine, er antwortet lächelnd. Schweißperlen, das schillernde Licht. Namenlose Nacht, riecht süßlich nach Sex: ein Lächeln auf klebrigem Fußboden. Sehr laute Musik eine flüssige Bewegung, unklare Erinnerungen ein Tinnitus-Ton. Menschen, ineinander vergraben, sind glücklich: die Augenblicke, eine seltsame Nacht – diese eine Nacht! – wie von Sinnen riecht süßlich nach nächster Nähe dieser Frau neben mir. Nicht ich, meine Hosenbeine, in Glasscheiben. Sie lächelt ihre fremde Körpersprache. Es ist spät und wir sagen uns nicht die namenlose Nacht. Wummernde Bässe, sie lächelt lässig und vergräbt sie sich stählern in mir und stumm. Tanzende Menschen und keine Heimat: El hambre viene y el hombre se va.

© Philipp B. Koch: Kagan Lounge (2002),
in: Johannes Finke (Hrsg.): Lyrikland, Lautsprecher Verlag, Stuttgart 2003.

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ARIADNE

all meine Gefühlsbastionen aus Zärtlichkeit
gewappnet gegen jede Welt außerhalb

in stolpernder Suche, Ariadne
deine unsichtbaren Fallstricke um meine Beine

war ich so sehr unterwegs
auf der Jagd der Möglichkeiten

dass ich einer Angst meine Namen gab
Verfügungen treffen wollte und nie tat

falls sie nie mehr aufhört
was mit mir anzustellen sei

und wie ahnungslos wartete ich
unter Regenwolken auf die U-Bahn

längst angekommen in der Gewissheit
es bliebe doch wenigstens stets ein Himmel

© Philipp B. Koch: Ariadne (2005),
unveröffentlicht.

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SIEBENMEILENSTIEFEL

Hier in Freiburg, auf kopfsteingepflasterten Straßen, wo es zaghaft dämmert zwischen Menschen, schlägt mir Hochsommerhitze ins Gesicht. Flimmernd haftet sie am Hemdkragen, auch abends um halb neun noch, und weht mich leise an zur Begrüßung. Mein erster Abend zuhause. Bei den Betonpfeilern der Straßenbahnbrücke am Hauptbahnhof sind drei vielleicht 17-jährige Jungs die Könige der Welt; breite Baggy Pants, nippen sie an einer Glasflasche und lassen sie, verpackt in eine braune Papiertüte ohne Aufschrift, immer wieder kreisen. Nur der Flaschenhals ragt heraus und es sieht aus wie in einem blöden amerikanischen Film, auf den man im Werbeblock beim Durchschalten stößt, und man schaltet sofort weiter. Sie glotzen auf meinen Koffer und die umgehängte Reisetasche, und sobald ich nahe genug herangekommen bin, nehmen sie Körperhaltungen ein, die sie sich bei MTV abgeschaut haben und offenbar für bedrohlich halten und zwei von ihnen pöbeln mich mit gedämpften Stimmen in breitestem badischen Dialekt wortreich an. Mittendrin muss der Dritte plötzlich niesen und das macht uns alle für zwei Sekunden sprachlos. Hofstaat.

Wie wenn ich nie weg gewesen wäre finde ich in den Weinbergen den verrosteten VW Käfer wieder. Unsichtbar unter wildwucherndem Gestrüpp irgendwann vor Jahren wohl vergessen, ist von außen kein Auto mehr zu erkennen, während innen Teile des Cockpits und der skelettierten Karosserie noch recht gut erhalten sind. Auch Reste der Heckscheibe sind noch vorhanden, verwoben mit Schlingpflanzen, die durch jedes sich bietende Löchlein eindringen und die noch sichtbaren Flecken Metall und Plastik in wenigen Jahren vollends versteckt haben werden. Die Fahrertür liegt im Wageninneren. Die Hechtbande 1974 steht rostig mit unbeholfenen, eckigen Strichen ins Blech gekratzt, und ich muss lächeln; als Kinder glaubten wir, dies alles sei Teil eines Verbrechens. Lösungen.

Als wäre ich für immer zurück, baumle ich meine Beine am Baggersee. Ein leiser Fäulnisgeruch weht vorüber, Algen, und ich sehe das frisch zertretene ungemähte Gras hinter mir sich langsam wieder aufrichten. Dumpf türkis ruht der See, erträgt stoisch den schwimmenden kulissenhaften Kieskran und verströmt gleichgültig den Frieden der Verlassenheit, seit die lärmenden Familien zur Abendbrotzeit in flimmernden Autokolonnen nach Hause aufgebrochen sind. Noch vor drei Jahren gab es hier mit dem Handy keinen Empfang. Ein Wasserläufer rudert lautlos mit unwahrscheinlicher Geschwindigkeit auf ein zappelndes Etwas im Wasser zu und macht sich dann zeitlupenartig daran zu schaffen. Ich krame nach Zigaretten. Hilfesuchend blicke ich mich um und sehe unerkannt die kleinen Brüder zweier Bekannter von früher bärtig und lautstark um die Wette saufen. Eine Gruppe von Mädchen kauert bei ihnen und wechselt einander still alles sagende, schnelle Blicke. Händchenhalten. Der See glitzert jetzt sehr abendrot, und ich tauche langsam ab: in die autobiographische Unordnung vergangener Zukunftsentwürfe, in der Asservatenkammer meiner Seele. Wildwuchs.

Ich wusste nicht mehr, dass ihre Haare ursprünglich blond sind, als sie mich kurz vor Mitternacht unsicher begrüßt, wie früher, unter der Uhr des Kleidergeschäfts am Bertholdsbrunnen. Sie riecht noch immer nach Vanille, und ich sage ihr nichts davon. Wieder sieht sie umwerfend aus. Hunger treibt uns zum Döner an der Ecke, und als sie mich einladen will, findet sie lachend im Geldbeutel nur englische Pfund. Mit einer Stimme aus Glas lotst sie mich zum neuen Auto ihrer Eltern und beim Laufen wippt bei jedem Schritt mein Leben wie Kieselsteine in meinen Hosentaschen, knirscht wegrutschend unter den Schuhsohlen und passt irgendwie zu keiner meiner Beschreibungen mit Nebentönen, wie ich jetzt lebe und wer man mir zu sein anbietet. Beim Einsteigen passe ich höllisch auf, mit dem Kebab keine Saucenflecken auf den noch neu riechenden Sitzen des Autos zu hinterlassen, und sie lacht sich sehr charmant halbtot über meine Verrenkungen. Ich rede zuviel, sie ist mit Essen längst fertig. Es ist nicht klar, ob sie weiß, dass ich ihr fortwährend tief in den Ausschnitt sehen kann und dass sie nichts drunter trägt; ich drehe den Kopf, die vorbeikriechenden Häuserfassaden. Alles steht so geordnet und unveränderbar, meine Erinnerung, selbst das verbeulte, unfallschief in der Erde steckende Stoppschild an der Merzhauser Straße wurde bis heute nicht ausgetauscht. Für jedes Schlagloch im Asphalt finde ich eine erinnerte Entsprechung: handgeschriebene Preisetiketten der Dinge auf dem Wühltisch Leben. Erosion.

Sie fährt, und ich sitze. Ohne Radio lassen wir uns langsam durch die Straßen treiben, die jetzt schon sehr menschenleer sind. Hinter uns schwappen die Bugwellen des Motorengeräuschs in den Rinnstein und jeweils für einen kurzen Moment hinterlassen wir unsere sich kräuselnden Ringe im aufgescheuchten Gefüge der Nacht. Am Straßenrand unzählige geparkte Autos, die jetzt schlafen, und Litfaßsäulen, über und über bedeckt mit Plakaten und Flyern: nutzlose bunte Landkarten. Wir entscheiden, wir wollen raus aus der Stadt, unter unbewohnte Sterne – sie fährt, und ich sitze: sie lächelt. Das Säuseln des Motors, die Stille. Flackernde Schnellstraße, dann auf einer Asphaltschneise durch Wald, später vereinzelte Dörfer – jedes davon mit eigener Dialektfärbung. Getriebene. Weiter draußen schließlich, wo es nachts sehr still ist, hören wir aufmerksame Grillen, Grasrepublik, und es ist nirgendwo ein Berlin: das hatte sie alles versprochen. Wir wissen nicht, ob Grillen und Zikaden das Gleiche sind. Vielleicht würde ich sie jetzt gerne küssen, schmecke zaghaft das Nichts auf meinen Lippen, und es ist schon sehr spät. Sie fröstelt ein bisschen und presst ihre erschaudernden Arme gegen die Brüste, an mich gelehnt, schweigsam und immer wieder vertraut. Wir vermissen nichts: das Vakuum leergesogener Landschaft bei Nacht. Stundenlang starren wir in einen Sternenhimmel, geometrische Gewissheit, dass das Andere auch ohne uns nicht aufhört. Ihre leise Körperwärme brandet durch meine Kleidung als wir beschließen wir wollen noch ein wenig spazieren. Unsere Müdigkeit, eingewoben in Frühnebel, als ein geborgenes Versprechen von den Heilkräften der Heimat. Sie hakt sich unter, und kilometerweit stolpern wir, bei wenigen Worten, in unscharfer Zeitlupe einem Morgenrot entgegen, heroisch und jugendlich und atemlos, und bleiben so weiter ohne nachzufragen in unserer Nähe spielende Kinder.

© Philipp B. Koch: Siebenmeilenstiefel (2004),
unveröffentlicht.

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EX

jetzt sitze ich also an meinem Schreibtisch
und mir ist laut
Innen- und Außenwelt mit Öffnungszeiten

und wieder weiß ich deinen Kopf in meinem Schoß
wie du mir deine Geborgenheit sagtest
vor zerkratzter Landschaft durch die Scheiben der S-Bahn

oder dein Kleid das für mich spanisch aussah
während du fandest es mache deinen Bauch schwanger
aber heimlich gabst du mir doch deinen leisen Ton von Wohlbehagen

(...)

gut, jetzt lasse ich viel weg
und schreibe alle Worte sehr ungern
da sie gelesen so unvermittelt unwahr werden

aber als du mir zuletzt gelächelt hast
wusste ich nicht wohin mit meinem Herz
blutiger Fahrtenschreiber

und als wir Jahre später schließlich einander die Sprache verloren haben würden
würde ich sie in keinerlei Weise retten können
in einem Gedicht

© Philipp B. Koch: Ex (2005),
unveröffentlicht.

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SÜD

als ich verwundet für zwei Wochen zurück bin
die Traurigkeit
auf der Suche nach den Heilkräften der Heimat
finde Überbleibsel meines regenbogenen Lebens
.... ausgebleicht
meine alten Plätze
in ahnungsvoller hornhäutiger Wehmut
eng verschnürt in meinem Brustkorb

und wenn ich wieder und wieder um mich blicke
.. ich laufe den schmalen Grat
blinzele
in verwischten Bergen verschwiegene Straßen
........ mit tauben Sternen
die schon damals gewusst hatten es würde alles gut

langsame Lichter einer Stadt zwischen Bergen
milchiger Lichtteich ohne Widerspiegelungen
................ ich sehe weg
atme
....... hellwach
keine Geräusche
dann die neblige Nacht
mein Leben & ich
.......................... Raubtier
auf der Jagd nach sich selbst
im dickichten Urwald
eines eigenen Körpers

© Philipp B. Koch: Süd (2003),
unveröffentlicht.

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IM ZENTRUM

Ein Kind, das anschreit gegen die Welt, die auf es einstürzt, weil es müde ist. Eine Katze, die eine Jahrtausende alte Angst hat, zwischen gepackten Kartons, vor einer neuen Wohnung. Oh! diese frohlockende Stille! – Und aufzuschreiben, im Sog, weil man gedruckt das Zittern nicht mehr sehen kann...

© Philipp B. Koch: im Zentrum (2005),
unveröffentlicht.

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ANS FESTLAND (Fragment)

(...) Diese Umarmung ist nichts was er sich je merken könnte. Sie findet das OK. Keine Suche ist so anstrengend wie das Finden einer Abmachung. Sie streift seine Blicke von sich ab, und mit einem Klimpern ihrer Gedanken, die sie ihm nicht und niemandem je verrät, macht sie ihn beinahe kirre. Vielleicht hätte er alles anders machen sollen. Der Wind spielt mit der Kordel am Reißverschluss ihres Koffers. Es ist sehr kalt hier in der Zugluft. Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keins mehr. Verschiedentlich suchen hektische Menschen ihren Bahnsteigabschnitt, rempeln Leanders Schulter und wehen ihn energisch mit der gesamten jämmerlichen Unartikulierbarkeit ihrer Abschiede an, während an ihr alles abperlt, niemand würde sie auch nur berühren: Wie sie mit einer atemberaubenden Selbstverständlichkeit, die Augen halb gesenkt, für nichts haftbar zu machen, nur eine Handbreit von ihm entfernt, die Lippen leicht schürzt, alle Worte zurückhaltend, die sie für möglicherweise gefährlich hält. Mehr als er wohl wollen sollte, würde er sie jetzt gerne küssen können, jetzt, wo sie im letzten bleiernen Licht des bleichen Abschiedstages ihn sehr langsam ansieht. Fotografinnenblick. Selten mehr als in diesem Augenblick erahnte er die Verbindlichkeit eines Schweigens. Gib die letzte Süße in den schweren Wein. Sie nestelt an seinen Mantelknöpfen, die fast lose und mit Kratzern übersäht ihre beste Zeit hinter sich haben, und milchig schimmert der Widerschein des Bahnsteigvordaches im Rot ihrer Fingernägel. Herr, es ist Zeit. Ihre schweren Schatten blockieren den Eingang ins Erste-Klasse-Abteil. Ohne Unterbrechung schwemmen krächzende Lautsprecherdurchsagen die Unstetigkeit dieses Ortes durch die wartende Menge. Die Gischt letzter Zauberworte benetzt die Gesichter der Umstehenden, und mit einiger Ungläubigkeit hievt er ihren Koffer in den Innenraum des Zuges. Ein geheimes Aufbruchsignal trennt jetzt Reisende und Zurückbleibende, Innen- und Außenwelt, und letzte verlegene Verrichtungen dehnen drinnen wie draußen die Endlosigkeit bis zum sekündlich erwarteten langsamen Anrollen des Intercity Express. Wie tief sie ihm jetzt in die Augen blickt; fast schmerzhaft sucht sie einen Ausdruck darin, der ihr an ihren Tränen vorbeihilft. In silbernen Spuren suchen und finden sie Wege, fort von ihr, unsauber nachgezeichnet von schwarzem Kajal. Hastige Schritte nähern sich endlich aus dem Inneren des Bahnhofsgebäudes, Ledersohlen hallen auf hartem Steinboden wider, ein gedankenbetäubendes Echo von Entschlossenheit. Mit einem unüberraschten Gesichtsausdruck, ohne Wut, ohne Verbindlichkeit, stapft er festen Schrittes auf sie zu, sein karamellfarbener Mantel, der wohl ein bisschen zu dünn sein mag für den europäischen Winter, flattert dabei unruhig um seine Beine. Anderthalb Meter vor ihnen wendet er sich ruckartig zur Seite und springt mit einem hastigen Satz in den Zug. Bis zu dieser Sekunde hätte Leander kein Geld darauf gewettet, dass er wirklich kommt. Dass er tatsächlich geht. Geschäftig wuchtet er den Koffer durch die Gänge, ihren Koffer, den sie ihm überlässt. Das schrille Signal, als die Türen schließen, übertönt Leanders inneres Ticken und Scheppern, all die Geräusche von Anspannung, die uns ablenken von der Unkörperlichkeit des Weggehenmüssens anderer. Leander bewundert, dass er Penn und ihn nicht ansieht, auch als der Zug sich langsam in Bewegung setzt nicht. Er starrt auf den Sitzplatz gegenüber seines eigenen, der unbesetzt ist, so als wollte er ihn sich sorgfältig einprägen. Er ist ein guter Verlierer, denkt Leander, und hält das zugleich für ein Zuviel an Anerkennung. Als er fort ist, greift sie schüchtern seine Hand und verbindet ihrer beider Körperwärme, die wütend gegen die Kälte ankämpft. Mit dampfendem Atem seufzt sie, öffnet ihren Mund, ihren wunderschönen Mund, hält kurz die Luft an und sagt schließlich doch nichts. Vorsichtig schmiegt sie ihren Kopf an seine Schulter. "Wenn du heute Abend zu mir kommst", sagt sie, "sind alle seine Sachen weg." Sie wird sie also wirklich wegwerfen. Sie lächelt endlich, schniefend, streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die ihr der Wind aber sofort wieder über die Augen bläst, und zieht ihn fort. "Leander – wieso bist du mitgekommen?", fragt sie mit noch immer belegter Stimme. Der Wind zerrt an der Haarsträhne, seitlich klebt sie an ihrer Nase. "Ich wollte wissen, dass er wirklich nie wieder kommt", hört er sich sagen, noch immer nicht sicher, ob er den Jubel in seiner Stimme weiterhin verstecken sollte. Ein Abglanz der Neonröhren spottet über die Kälte des Asphalts. Penn sagt, das hätte sie ihm vielleicht alles versprochen, wenn er damals nicht danach gefragt hätte. Zum ersten Mal glaubt er ihr diesen Blick, streichelnder Augenblick, der sagt: Alles ist möglich. Der sagt: Greif doch zu. Der zu ihm sagt: Auf die einzige Art, die ich kenne, möchte ich uns einander angehören wissen. Sie kreischt erschrocken und lacht, als sie versehentlich in eine Pfütze tritt, und zwischen zusammengepressten Zähnen zischt sie: "O ich hasse November!" Sie lügt, und sie weiß, dass Leander weiß, dass sie lügt, und er liebt sie dafür. Schon dafür liebt er sie. Er saugt die eisklare Luft ein, die bereits von erstem Schnee kündet, es kann nicht mehr allzu lange dauern. Penn winkt ein Taxi herbei, und während sie einsteigt, sagt sie zu ihm ein allererstes Mal die drei gewichtigen Worte, an ihm vorbeiblickend, unaufgeregt und ein bisschen verwundert, und wartet nicht auf irgendetwas von ihm, sondern zieht kraftvoll die Autotür zu, und lächelnd sieht er sie davon fahren. (...)

© Philipp B. Koch: Ans Festland [Fragment] (2006),
unveröffentlicht.

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ANS FESTLAND II (Fragment)

(...) Die zittrige Unpräzision ihres inneren letzten Wissens wo Norden sei, seit seine magnetischen Worte voller Ahnungen und ohne deklinierbare Wahrheiten sie überwältigt hatten; der irrlichternde Wunsch, ihm die Intensität seiner Abwesenheit sagen zu können, jetzt, da sie die immer gleichen Straßen weiter und wieder entlang schleicht, die er ihr hinterlässt, in brachliegender städtischer Kulisse bei Nacht. Steinerner Schutz der Hausfassaden, im Schatten entlang der vielen gekippten Fenster. Letzte Berliner Versuche, die stickige Sommernacht erträglicher zu gestalten und wenigstens ein Quäntchen frischer Luft ins Innere zu leiten. Aus den wenigen um diese Zeit noch nicht schlafenden Erdgeschoss-Wohnungen tröpfelt durch farbige zum Zwecke des Sichtschutzes angebrachte Seidentücher ein eigenartiges Licht auf den Asphalt, das alle anderen, deren Lichter unlängst erloschen sind, in den Schlaf hinein vergeblich zu warnen wollen scheint vor all den noch unerfüllten Vorkommnissen kommender Stunden nach Sonnenaufgang. Die melancholische Langsamkeit von Großstadt bei Nacht: Seltene, fast greifbare Idee, was Zeit sein könnte, im leisen Rhythmus des Klickens der eigenen Gedanken ausgestorbene Straßen zu durchwandern, und im Ruhepuls der Stadt erscheint die nächtliche Provinzialität Berlins als der einzig mögliche Ort menschlicher Existenz. Wo immer Leander im Augenblick sein mag, vielleicht schon auf der Suche nach neuen Spielen, ausreichend Nahrung und mit seiner selbst auferlegten Singularität: Sie glaubt ihre Abwesenheit in seinen Gedanken in jeder Faser ihres Körpers zu spüren. Wieder kriecht langsam eine kalte Träne ihre Wange hinab, klammert sich zaudernd an ihren Unterkiefer und fällt schließlich doch auf staubigen Teer. Sie fühlt wieder den Kirschkern unter ihrer Oberlippe, weiß, dass da nichts ist, und muss dennoch mit der Spitze ihres Zeigefingers innen an ihrer Lippe entlangfahren, damit es kurz aufhört. Eine alles in sich aufsaugende Vorankündigung von Angst sickert langsam aus den Poren ihrer Haut. (...)

© Philipp B. Koch: Ans Festland II [Fragment] (2007),
unveröffentlicht.

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